Fachinput

Auf dieser Seite veröffentliche ich gelegentlich Fachinputs von mir zum Thema Therapie, Training und Anatomie. Viel Spass beim durchlesen. 

Statement Dehnübungen am Pferd



Auslöser dieses Statements ist eine Broschüre die das Nationale Pferdezentrum in Bern mit
dem Namen «Dehnübungen mit Karotten» veröffentlicht hat. Dort werden Übungen gezeigt, bei welchen Reize gesetzt werden, die Reflexbewegungen auslösen. Aber nicht nur in dieser Broschüre begegnen wir diesen Übungen, auch im Alltag in den verschiedenen Ställen sehen wir immer wieder, dass diese am Pferd praktiziert werden. Teils werden sie auch von Tierärzten, Therapeuten, etc. empfohlen. Das NPZ weist zwar darauf hin, dass nicht alle
Übungen für jedes Pferd geeignet sind. Auszug aus der Broschüre: «Gleiches gilt, wenn das Pferd Schmerzen bei einer bestimmten Dehnung hat.» Aber es wird nicht genau beschrieben bei welchen Pferden diese Übungen kontraproduktiv sind und sogar Schmerzen verursachen können. Wir finden, dass es gefährlich werden kann, eine Anleitung für Übungen öffentlich
zu machen, wenn diese nicht individuell aufs Pferd abgestimmt sind. Nun zu den Übungen
und der Erklärung wieso diese meist kontraproduktiv sind und nur in Hände von Fachleuten gehören.

Definition Reflex von Wikipedia: «Ein Reflex ist eine unwillkürliche, rasche und stets gleichartige Reaktion eines Organismus auf einen bestimmten Reiz.» Bedeutet, das Pferd kann nicht willkürlich steuern ob es diese Bewegung ausführen kann/möchte. Die Bewegung wird durch den Reflex ausgeführt, auch wenn es schmerzhaft ist.

Beispiel Reflex beim Mensch: Der Patellarsehnenreflex, ein Eigenreflex, der nach Schlag auf die Kniescheibensehne eine Kontraktion der Streckmuskulatur des Oberschenkels (M. quadriceps femoris) und damit eine Streckung im Kniegelenk auslöst.

« Sternum (Brustbein) anheben»

Bei dieser Übung wird am Bauch (Sattelgurtlage) ein Reiz gesetzt. Dieser Reiz löst ein Reflex aus: das Pferd weicht dem Reiz nach oben aus, sprich wölbt die Wirbelsäule auf und zieht die Bauchmuskeln zusammen. Dieser Reflex kann Schmerzen verursachen im Bereich des Rückens. Dies geschieht bei Befunden oder Blockaden der Wirbelsäule und Rippen, aber auch bei Verspannungen, Verkürzungen der Muskeln und Faszien in diesem Bereich.
Zudem haben viele Pferde eine verkürzte, verkrampfte Bauchmuskulatur und mit dieser
Übung wird das noch weiter gefördert. Zudem macht ein zusammengezogener Bauch und
einen aufgewölbter Rücken ein Pferd niemals tragfähig! Diese Übung macht nur im
ausgewählten Therapiesetting Sinn.

«Lumbosakralen Bereich wölben»

Aus der NPZ Broschüre: «Ziel dieser Übung ist es, dass das Pferd seinen Rücken im
lumbosakralen Bereich aufwölbt.»

Viele Pferde die wir sehen, haben schon in Ruhe einen aufgewölbten lumbosakralen Bereich und meistens dazu noch ein steil gestelltes Becken. Diese Pferde stehen mit der Hinterhand unter den Bauch, also nicht im Lot und haben eine verkürzte Bauchmuskulatur. Das Lumbosakralgelenk (LSG) ist dabei gebeugt (offen). Andererseits sehen wir auch immer wieder Pferde, die ein massiv geschlossenes LSG haben. Sie stehen mit der Hinterhand eher nach hinten raus und das Becken ist nach vorne gekippt. Dies kommt meist von einer stark angespannten Rückenmuskulatur und einer angespannten und verklebten Thorakolumbalfaszie (Faszie im Lendenbereich). Diese Faszie ist die dickste im Pferdekörper und der breite Rückenmuskel (M. latissimus dorsi) setzt an dieser an und zieht ins Vorderbein. Zwingt man das Pferd nun über einen Reflex das LSG zu öffnen, gibt dies massiven Zug auf diese sowieso schon schmerzhafte verspannte Muskulatur und Faszie. Und verursacht noch mehr Schmerzen welche bis ins Vorderbein ausstrahlen können.

Das LSG befindet sich zwischen Kreuzbein und Lendenwirbelsäule und hat die Aufgabe, die Schubkraft der Hinterhand nach vorne weiterzuleiten. Diese Kraftweiterleitung ist aber nur möglich, wenn das LSG in Neutralstellung ist.
Es gibt verschiedene Gründe, wieso ein Pferd ein gebeugtes LSG hat. Falsches Training
kann dies zum Beispiel stark begünstigen. Es kann aber auch «von Natur» aus, Pferde
geben, die ein steil gestelltes Becken haben (durch gezieltes Training kann eine
Verbesserung erzielt werden).

Ein offenes LSG kann die Kraftübertragung von der Hinterhand nach vorne nicht durchlassen und somit haben wir nur wenig oder gar keine Schubkraft. Sind die Hinterbeine zu wenig aktiv, können sich die Vorderbeine nicht frei bewegen und das Pferd hat ebenfalls nicht die Möglichkeit, den Brustkorb anzuheben. Die Folge ist ein Vorderhandlastiges Pferd, welches
nicht tragfähig ist.

Setzt man nun gezielt einen Reiz, welcher den Reflex auslöst, das LSG zu beugen (öffnen),
verursacht man eine Haltung, die nicht förderlich ist. Hat das Pferd nun im Bereich des LSG einen Befund wie z. B. Arthrose oder eine verspannte Thorakolumbalfaszie (haben übrigens viele Pferde), verursacht diese Übung zudem oft starke Schmerzen. Diese Übung gehört definitiv nur in die Hände von ausgebildeten Therapeuten und Tierärzten, denn sie darf nur sehr gezielt und dosiert als Therapie eingesetzt werden und ist definitiv keine Dehnübung.

Die weiteren Dehnübungen mit der Karotte in der Broschüre, können wir durchaus auch nicht für jedes Pferd empfehlen. Gerade die seitliche Dehnung der Halswirbelsäule ist nicht zu unterschätzen. Viele Pferde verwerfen den Kopf dabei, es gibt eine einseitige Belastung im Übergang von Hals- in Brustwirbelsäule (dieser Bereich ist bei vielen Pferden schon
überbelastet) und die empfindliche Genickregion wird strapaziert. Man darf sich auch überlegen ob für jedes Pferd die Fütterung von Karotten mehrmals die Woche eine gute Idee ist (Stichwort: Stoffwechselkranke Pferde).

Wir finden es gut, wenn der Pferdebesitzer auch bestrebt ist sein Pferd gesunderhaltend zu trainieren und gezielte Übungen mit ihm durchführt. Dabei sollte aber immer alles individuell aufs jeweilige Pferd abgestimmt werden, denn nicht jede Übung macht für jedes Pferd Sinn. Und gewisse Übungen setzen ein anatomisches Wissen voraus und sind somit geschulten Therapeuten vorbehalten. Mit diesem Statement möchten wir die Pferdebesitzer animieren
nachzudenken und nicht immer alles gleich nachzumachen. Bei Unsicherheiten fragt euer
Therapeut/in oder Tierarzt/in eures Vertrauens.

Sonja Ruffieux www.horse-balance.ch Horse-Balance by Sonja Ruffieux
Caroline Lohri www.cavallo-therapie.ch Cavallo Therapie
Maike Knifka www.maikeknifka.de Lehrinstitut Maike Knifka - Osteopathie und Training am Pferd
Sarah Meer https://drachenpony.jimdofree.com/ Sarah Meer
Rösmi Aeschlimann www.equi-sensus.ch Pferdephysiotherapie Equi-Sensus
Jennifer Bieri www.free-motus.ch Free-Motus
Nicole Egger www.pferdeinform.ch Pferde in Form - Physiotherapie für Pferde